Zur aktuellen Debatte über die diversen Standbilder und Denkmale in Lüneburg

Rede von Friedrich von Mansberg (kulturpolitischer Sprecher) -  Ratssitzung am 23.2.2012 :

PLÄDOYER FÜR EINE OFFENE DISKUSSION, FÜR EIN GEMEINSAMES NACHDENKEN ÜBER DEN UMGANG MIT GESCHICHTE IN LÜNEBURG

Zur aktuellen Debatte über die diversen Standbilder und Denkmale in Lüneburg

Die aktuelle Diskussion über Reiterstandbilder, Gedenksteine und Pferde zeigt: das ist, nach wie vor, kein einfaches Thema. Weil vieles zusammenkommt. Und weil scheinbar noch immer mit so viel höherer Emotionalität über diese Dinge gedacht und gesprochen wird als über anderes, unsere Straßen, den Einzelhandel oder selbst einen Flugplatz.

Es erscheint sinnvoll, einige Dinge im vorherein zu klären, um unseren Standpunkt im größeren Zusammenhang verständlich zu machen.

Bei drei der vier heute in Rede stehenden Standbilder (die beiden im Clamartpark und das auf der Bastion) handelt es sich um Denkmäler. Sie sind also per Gesetz in gewisser Weise schützenswert. Das Pferd vor dem Wandrahmmuseum ist es nicht. Kein ganz unbedeutender Tatbestand. Überhaupt gilt: nicht alles, was alt ist, hat per se einen Wert und muss unter allen Umständen erhalten werden. Man wird fragen dürfen, man wird fragen müssen.

Denkmäler haben unweigerlich, je älter sie sind je mehr, eine Geschichte. Und das meint nicht nur die Geschichte, die zur Errichtung geführt hat, oder die mit ihnen „erzählt“ wird. Hier geht es größtenteils die Geschichte der Lüneburger Regimenter, Kavallerie und Dragoner. Die Standbilder haben auch, vielleicht fast noch wichtiger, eine Geschichte durch ihre Verwendung, durch das, was zu bestimmten Zeiten aus ihnen herausgelesen oder in sie hineininterpretiert wurde. In sofern besteht sehr wohl ein Zusammenhang zwischen jenem Pferd vor der dem Museum und dem „Gauleiter“ Otto Telschow. Oder zwischen dem Dragoner im Clamartpark und der Zeit zwischen 1939 und 1945. Gleiches gilt für das Standbild an der Bastion und nicht zuletzt auch, aus etwas anderem Grund, für die Pietá-Darstellung weiter hinten im Clamartpark: Das wird seinen Grund gehabt haben, dass die Nazis sie 1939 in den hinteren Teil verbannt haben, um Platz zu schaffen für jenen Reiter. Es lohnt sich, die Geschichte aller vier Standbilder genauer zu kennen, um beurteilen zu können, wie mit ihnen umzugehen ist. Werner Preuß hat da Vieles, Wissenswertes zusammengetragen, niemand sollte jetzt allzu überrascht tun. Es steht für uns jedenfalls fest: es gibt keinen einfachen Umgang mit diesen Standbildern und ihrer Geschichte.

Von großer Bedeutung ist aus unserer Sicht, dass es gelingen muss, die Geschichte Lüneburgs zwischen 1933 und 1945, und damit zusammenhängend unter anderem auch die Geschichte Lüneburgs als Garnisonsstadt, umfassend im neu entstehenden „Lüneburg Museum“ darzustellen. Hier gibt es nach wie vor gewaltige Defizite. Unser Wunsch ist, dass im Zusammenhang mit der Konzeption dieser Dauerausstellung, die wohlmöglich im Krügerbau ein eigenes Zuhause finden könnte, eine breite Diskussion darüber entsteht, wie wir dieser Zeit gedenken wollen. Wie und an welchen Orten. Nicht alles wird mit jedem Standbild und an jedem Ort sinnvoll sein. Neues mag hinzukommen, bereits Existierendes muss einbezogen werden: Die Mahnmale in der Lindenstraße, auf dem Zentralfriedhof, im Tiergarten, im ehemaligen LKH, manches andere noch.

Noch etwas ist wichtig: die Generation derer, die über diese Zeit erzählen können, stirbt aus. Das unmittelbare Berichten also wird abnehmen, wir werden lernen müssen, auf einer allgemeineren Ebene unser Gedenken, unsere Auseinandersetzung mit Geschichte zu organisieren. Im Reiter im Clamartpark wird man zunehmend einen Soldaten sehen, der die Waffe nach vorne streckt, nichts weiter.

Diese Auseinandersetzung mit Geschichte funktioniert also nicht, in dem alles so bleibt wie bisher. Sie funktioniert allerdings schon gar nicht, in dem man die Zeugnisse dunkler Abschnitte unserer Geschichte aus unserem Gesichtskreis verbannt, wie das manche vorgeschlagen haben.

Was heißt das nun im konkreten Fall? Die in Frage stehenden Denkmäler sind zu erhalten, das gebietet schon ihr Status eben als Denkmäler. Wenn sich für diese Aufgabe, wie im Falle des Reiterstandbildes auf der Bastion private Geldgeber finden, ist das zu begrüßen. Es ist im Einzelfall zu prüfen, an welchem Ort die Aufstellung dieser Denkmäler sinnvoll ist und ob sie gegebenenfalls mit einer erklärenden Plakette oder ähnlichem, einer Entgegnung, einer Aufforderung zum Dialog zu versehen sind. In Bezug auf jenes Denkmal im Bastionspark, den „nackten Reiter“ lässt sich sagen: In der ehemaligen Lüner Kaserne scheint es besser aufgehoben als an seinem jetzigen Standort, es kehrt ja quasi in „seine“ Kaserne zurück, die, Gottlob, keine mehr sein muss. Die Aufmerksamkeit würde sich erhöhen und damit ja auch die Chance auf eine interessiert-kritische Auseinandersetzung.

Was nun die Situation im Clamartpark angeht, ist die Sache ohne weiteres nicht zu entscheiden. Wir haben daher im Kulturausschuss dafür plädiert, etwaige Standortfragen jetzt nicht zu entscheiden, sondern eine breitere Diskussion, auch mit den Fachleuten des neuen „Museums Lüneburg“ abzuwarten. Im Erhalt der dortigen Standbilder und in der sich ergebenden Diskussion liegen große Chancen: nämlich unter Einbeziehung dieser und anderer Orte des Gedenkens – ich denke hier vor allem an den Platz der ehemaligen Synagoge – ein Gesamtkonzept zu entwickeln, wie wir Lüneburger unserer Geschichte begegnen wollen.

Wir widersprechen deutlich all denen, die dieser Geschichte in unserer Stadt nicht mehr begegnen wollen, aber auch all denen, die schon im Prozess des Nachdenkens über den richtigen Umgang mit den Standbildern einen Akt der Geschichtsvergessenheit wähnen. Wir plädieren für einen aufgeklärten und geschichtsbezogenen Umgang mit ihnen, für eine offene Diskussion. Sie ist nötig und unbedingt wünschenswert, aber wir stehen erst am Anfang.